Kleinstadtfarben
– Martin Becker –

Cover von Kleinstadtfarben von Martin Becker

»Und wenn du nicht spielst, dann hast du schon alles verloren.«

– Kleinstadtfarben, Martin Becker, Seite 263*

Klappentext:
Er frisst, statt zu essen, er säuft, statt zu trinken, er quarzt, statt zu rauchen, und er ackert, statt zu arbeiten. Pinscher wiegt hundertdreißig Kilo bei einer Körpergröße von einssiebzig, wobei das um fünf Zentimeter geschummelt ist. Sein Aussehen gibt nur zum Teil seine Maßlosigkeit preis.

Und doch, seine Kleidung ist ordentlich, ein wenig aus der Mode, er ist nie ganz von hier weggekommen. Hier, das ist Mündendorf, hartes Arbeitermilieu. Jetzt, das ist der Sommer seiner Zwangsversetzung zurück in die Polizeiwache, die er nicht erträgt. Und es ist der Abschied von seiner geliebten Mutter. Er muss nun etwas tun, was er all die Jahre vermieden hat: sich der Erinnerung stellen, vor der polierten Schrankwand im engen Reihenhaus sitzen, den kalten Zigarettenrauch im alten Wohnzimmer riechen und den Menschen auf den alten Fotos wirklich ins Gesicht sehen.


Inhaltsangabe:

Peter Pinscher arbeitet in der Kreisstadt als Polizist. Er macht seinen Job mit einer gewissen Abhärtung, lebt in einem Schuhkarton und hat nur seine Mutter, die er regelmäßig im Altenheim besucht. Nach dem Tod seines Vaters ist Pinscher aus Mündendorf „geflüchtet“. Doch Pinscher wird zur Strafe versetzt, nachdem er einen Rollstuhlfahrer beinahe überfahren und diesem die Luft aus den Reifen gelassen hat. Als Bezirksdienstbeamter soll er zurück nach Mündendorf.

Pinscher hasst es, wird er nun jeden Tag mit seinem alten Leben konfrontiert. Er trifft alte Bekannte, ehemalige Klassenkameraden und muss sich ebenfalls mit den Erinnerungen aus seiner Kindheit herumschlagen. Zu allem Überfluss riecht Pinscher auch noch einen Mordfall im Tod der Frau Seifert, welche ihm seinerzeit sein Elternhaus abgekauft hatte.

Im Dunkel dieser Umstände trifft er jedoch seine Jugendliebe Anna wieder.


Meinung:

An den Schreibstil musste ich mich erstmal gewöhnen. Es sind sehr lange Sätze dabei, teilweise mehrere Sätze in einem einzelnen Satz verschachelt – mit Komma statt Punkt abgegrenzt. Auch die Dialoge sind im direkten Stil aber ohne Anführungszeichen geschrieben. So vermischen sich Ereignisse und Gesagtes – teils auch unterschiedlicher Figuren – in einem einzigen Satz. Da hätte es mir der eine oder andere Absatz doch etwas leichter gemacht, zu erkennen, wer und ob da wer spricht. So wirkt das Geschriebene recht emotionslos und aufzählend.

Wenn man sich an den ungewöhnlichen Stil gewöhnt hat – was mir recht schnell gelungen ist – ist die Geschichte jedoch sehr tiefgründig und steckt zwischen den Zeilen voller Gefühl.

Die Handlung bewegt sich zwischen Leben und Tod – ein wenig erfährt man von Pinschers Ermittlungen – aber der größte Teil beschäftigt sich mit seinem Innenleben. Seinem Verlust und seiner Angst vor selbigen, dem Weg, den die Trauer auf ihre unterschiedlichen Wege nimmt. Die Handlung besticht sicherlich nicht mit Spannung oder einer außergewöhnlichen Story, aber dafür mit viel Tiefgang.

Pinscher ist ein recht kaputter Charakter, der jedoch erst lernt, wie kaputt er ist und den Versuch startet, mit Hilfe seiner Heimat Heilung zu finden. Ich konnte mich aber dennoch sehr gut in ihn hineinversetzen, da sein Innenleben sehr breit gefächert und tiefgründig geschildert wird.


Fazit:

Kleinstadtfarben ist ein Buch über Einsamkeit, Verlust, Tod, Trauer, aber auch Freude, Liebe und Leben.

Mir hat das Buch trotz oder gerade wegen des gewöhnungsbedürftigen Schreibstils sehr gut gefallen. Es besitzt sehr viel Tiefe und hat einen schönen Umgang mit dem Thema Tod und Leben.


*Kleinstadtfarben, Martin Becker, 1. Auflage 2021, Luchterhand Literaturverlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Umschlaggestaltung: buxdesign, Coverillustration: Ruth Botzenhardt, Satz: Uhl+Massopust, Druck und Einband: GGP Media GmbH


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