Dunkelbunt: Im Strom der Gedanken – Alexander Hitz

So wie sich die Gesellschaft verhält, reißerisch wie ein Rudel Wölfe, hat sie die Bezeichnung „Mensch“ nicht verdient! Wenn ich aus dem Fenster blicke, sehe ich Figuren, die Ameisen gleich durch die Städte wuseln. Ich sehe Affen in Anzügen, die sich für gottähnliche Geschöpfe halten! Wenn ich in der Menge stehe, fühle ich mich wie der einzige Affe, der wenigstens verstanden hat, dass er einer ist.

Dunkelbunt: Im Strom der Gedanken

Klappentext:
Zwei Menschen aus zwei Welten: Sven, ein im Leben stehender Schriftsteller und Askia, eine junge Frau, die mit ihren blauen Haaren und ihren Worten ein wandelndes Geheimnis darstellt. Beide sind hinter Klinikmauern gefangen, doch könnten ihre Gründe dafür nicht unterschiedlicher sein. Als sie sich eines Nachts auf der Terrasse ihrer gemeinsamen Station begegnen, ahnen sie noch nicht, welche Wege auf sie warten.


Inhalt

Sven Faber ist ein Zeitungsautor mit der Ambition Romane zu schreiben. Doch die Inspiration fehlt ihm – und um ebenjene zu finden täuscht Faber eine psychische Erkrankung vor. Denn sein Ziel ist es, einen Platz in der Station für Psychosomatik und Psychoanalyse Czerny zu bekommen. Schließlich gelingt ihm das auch, und Faber kann ein Zimmer in Czerny beziehen.

Mein Kopf, ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Da ist so … so eine Eigendynamik in mir, die mir Angst macht. Mein Ich hockt starr daneben, nicht in der Lage etwas zu tun, und hofft, dass es vorbeigeht mit dieser Abwärtsspirale.“

Von gelegentlicher Schreibwut abgesehen scheint es jedoch bald nicht mehr um Fabers eigentliches Ziel zu gehen. In Czerny lernt er die blauhaarige, schöne und von ihrer bitteren Vergangenheit geistig gezeichnete Askia kennen, in der er auf gewisse Weise seine Muse findet. Bald zeigt sich jedoch, dass auch in Faber Stürme toben, die nun ihren Weg an die Oberfläche suchen.


Charaktere und Schreibstil

Hitz findet Worte von unglaublicher Durchschlagskraft und Schönheit. Selbst in den ruhigen Momenten trägt sein Schreibstil den Leser durch den Roman, weiß an den richtigen Stellen anzuziehen und traumhaft-traurige Bilder zu zeichnen. Sven Faber und Askia werden zu eindringlichen Figuren, die geradezu greifbar, erlebbar sind und eine Anziehungskraft haben, die ich selten in einem zugegebenermaßen sehr kurzen Buch gesehen habe. Dabei zuzusehen, wie sich Faber Stück für Stück verliert, kann stellenweise äußerst schwierig sein – denn es rüttelt auch am eigenen Ich, kann man ihn und seine Entscheidungen oft genug doch nachvollziehen. Durchwegs schafft Hitz ein hohes sprachliches Niveau zu halten ohne aufgesetzt zu wirken.


Schwächen

Neben dem wundervollen Schreibstil gibt es jedoch auch einige Schwachpunkte in der Handlung des Romans. Ganz plausibel schafft Hitz es leider nicht, den Autoren auf der Suche nach Inspiration zu zeichnen. Nie wird ganz klar, woran denn Faber nun wirklich schreibt. Die Ausschnitte des Werks der schreibenden Romanfigur, die wir zu lesen bekommen, sind eher ziellos, atmosphärisch, lassen wenig auf den Inhalt schließen. Vielleicht mag diese Ziellosigkeit auch symbolisch für die Lebenssinnsuche stehen, die Faber in der zweiten Hälfte des Buchs begleitet. Leider schafft Hitz es aber nicht, schlüssig oder verständlich zu erklären, was denn nun Faber in Czerny sucht, warum er sich gerade in eine Stadtion für Psychosomatik und Psychoanalyse begibt, um sein Buch zu schreiben, und warum er schlussendlich den Pfad wählt, den er zum Ende des Romans antritt.


Fazit

Es ist schwierig, ein würdiges Schlusswort für „Dunkelbunt“ zu schreiben. Es besitzt Tiefgang, ist – wie so oft bereits erwähnt – wirklich wundervoll geschrieben. Und es bewegt, drückt und schiebt beim Leser an Stellen, die durchaus wund sind, schmerzen. Gleichzeitig weiß die knappe und nicht immer stringente Handlung nicht so sehr zu fesseln, wie sie es könnte. Es fehlt ein Momentum im Geschehen, das „Dunkelbunt“ wirklich großartig gemacht hätte.

Wahrscheinlich, und diese Vermutung kam mir häufiger im Roman, ist auch der Name Faber nicht durch Zufall gewählt. Denn einiges an „Dunkelbunt“ erinnert an den Roman „Homo Faber“ von Max Frisch. Im Mittelpunkt steht bei beiden Romanen die wachsende Beziehung der gleichnamigen Hauptfiguren zu einer jüngeren Frau, beide Paare begeben sich auf eine folgenschwere Reise, und auch das Finale beider Geschichten hat deutliche Ähnlichkeiten. Ähnlichkeiten, die jedoch nie Überhand nehmen und mehr wie eine Anspielung auf das Werk Frischs wirken denn als Kopie.

Ist „Dunkelbunt“ lesenswert? Ohne Wenn und Aber. Hitz hat ein sehr interessantes, eigenwilliges Werk geschaffen. Leider werden sich jedoch Inhalt und Form nicht ganz gerecht – und dabei hätte dazu nicht viel gefehlt.


Dunkelbunt: Im Strom der Gedanken, Alexander Hitz, Wreaders Verlag, Sassenberg, Umschlaggestaltung: Melanie Schmeißer, Satz: Daniela Seiler, Layout: Lena Weinert, Deutsche Erstausgabe, 2019


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