Erdsee – Band 1: Der Magier der Erdsee

Erdsee – wahrscheinlich hat jeder Fantasyfan diesen Namen im Ohr, schon einmal irgendwo gehört. Jedoch muss sich dieser alte Klassiker des Genres heute in Hinsicht auf seine Popularität hinter dem etwas älteren Herrn der Ringe verstecken, dem die Zeit etwas weniger zugesetzt hat. In Vergessenheit geraten ist die Romanreihe der US-amerikanischen Autorin Ursula K. Le Guin jedoch noch lange nicht, vielleicht etwas angestaubt, ein bisschen aus der Mode gekommen. Gerade deshalb haben wir uns entschlossen, einen Blick in den ersten Band dieses Grundsteins der Fantasy zu werfen.

Handlung

Der Magier von Erdsee behandelt die jungen Jahre Geds, in seinen Kindheitsjahren Duny genannt. Ged wächst auf der Insel Gont auf, ein Ort, der bekannt dafür ist, eine Vielzahl magisch begabter Menschen hervorgebracht zu haben.

Und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass der Halbwaise Ged schon in jungen Jahren erste magische Fähigkeiten aufweist. Seine Tante, eine einfache Dorfzauberin, nimmt ihn unter ihre Fittiche, fördert seine magische Begabung.

Diese Fertigkeiten nutzt Ged, um zu helfen, sein Dorf Zehnellern vor plündernden Seeräubern zu retten – doch der noch immer in der Zauberkunst unerfahrene Junge fällt erschöpft in einen tiefen Schlaf, aus dem ihn auch seine Tante nicht befreien kann.

Derweil spricht sich die Geschichte des Jungen, der Kraft seiner Magie sein Dorf gerettet hat, auf der Insel Gont herum. Und so erfährt Ogion, ein Zauberer mit beinahe sagenhaften Ruf, von Geds besorgniserregend lange anhaltenden Schlaf. Persönlich reist er nach Zehnellern, um Ged aus seinem Schlaf zu erwecken und dem Vater des Jungen anzubieten, ihn als seinen Lehrling aufzunehmen, sobald er sein dreizehntes Lebensjahr vollendet hat – und so geschieht es.

Ged, anfangs euphorisch, muss jedoch bald erkennen, dass Ogion ihm nur wenig Zauberkünste beibringt. Andere Lektionen sind dem Zaubermeister wichtiger, und bald erwacht in Ged eine Unzufriedenheit, die schlussendlich in eine große Torheit mündet: Um ein Mädchen zu beeindrucken, spricht Ged eine Zauberformel aus dem Buch seines Meisters, und ruft so ein folgenschweres Grauen in die Welt, das fortan seine jungen Jahre begleiten wird.

Eindrücke und Hintergründe

Im Jahr 1968, als Der Magier der Erdsee auf dem amerikanischen Buchmarkt veröffentlicht wurde, war das Genre der Fantasy nicht mehr neu, aber immer noch jung. Schon bald hatte die Fantasy den Ruf, ein unliterarisches Genre mit einer weltflüchtlerischen Leserschaft zu sein, anspruchs- und geistlos.

Geradezu vehement wehrte sich die studierte Literatin Le Guin gegen die Verurteilung ganzer Genres als minderwertig; in ihren Augen galten nur die Qualitäten des Buches selbst, schlechte Bücher existieren, schlechte Genres jedoch nicht.

Genau diese Haltung ist Der Magier der Erdsee anzulesen; Le Guin schreibt nach heutigen Maßstäben komplex, sowohl inhaltlich als auch stilistisch. Dabei bleibt sie jedoch recht weit von ihren Figuren entfernt; die Handlung wird weniger durch die Perspektive Geds oder anderer Figuren betrachtet, sondern aus größerer, umfassenderer Distanz. Zwar verliert dadurch das Erleben der Figuren etwas an Intensität, doch dafür erhält der Erzählstil einen legendenhaften Anstrich, der sehr gut mit der Handlung harmoniert. Der Magier der Erdsee vermittelt das Gefühl einer alten Erzählung, die lange Zeit von Mund zu Mund berichtet und dann literarisch aufgearbeitet und niedergeschrieben worden ist, und so mag ihr Erzählstil aus heutiger Sicht vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, aber alles andere als uninteressant sein.

Die Distanz, die Le Guin zu ihren Figuren wahrt, hindert sie nicht daran, mit Ged einen äußerst interessanten und ausgefeilten Hauptcharakter aufzubieten. Ged ist in seiner Art glaubwürdiger als viele andere Hauptcharakter des Genres, gerade während seiner Ausbildung zeigt er eine sehr altersgerechte Unvernunft, ist gelegentlich sogar prahlerisch. Und er begeht Fehler, einige sogar, meist folgenschwer oder zumindest schmerzlich. Arroganz und ein ständiger Drang, sich anderen zu beweisen, begleiten seine Lehrjahre, und so zeichnet Le Guin einen Charakter, der so viel glaubwürdiger und ausgewogener ist, als ein durch und durch guter und vernünftiger Musterheld.

Fazit

Der Magier der Erdsee ist alt – und das liest man ihm auch an. Alt ist in keinem Fall wertend zu verstehen, denn nach wie vor ist dieser erste Band der Erdsee-Reihe interessant und wunderbar geschrieben.

Doch wie allem alten ruht auf ihm die Last der jüngeren Jahre. Erdsee ist ein Grundstein des Genres, und als solcher immer wieder Referenzpunkt für andere Autoren gewesen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass einem so manches vertraut vorkommt, übernutzt, oft behandelt.

Dabei darf man jedoch nicht vergessen, dass ein Großteil dieser Ideen und Themen noch neu war, nicht schartig oder abgenutzt, als Der Magier der Erdsee geschrieben wurde. Behält der Leser das im Kopf, erwartet ihn mit Der Magier der Erdsee ein Fantasyroman, der auch nach fünfzig Jahren Existenz noch zu begeistern weiß.


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