Perdido Street Station

Der Fluss windet und biegt sich und bringt uns dann vor das Angesicht der Stadt. Unversehens ragt sie empor, gigantisch, ein Fremdkörper, der Landschaft aufgezwungen. Der Widerschein ihres Lichtmeers bekleidet die Hänge der Bergumwallung mit der Farbe gerinnenden Blutes. Ihre schmutzigen Türme glühen. Ich fühle mich klein. Ich bin versucht, mich in Ehrfurcht zu neigen vor dieser phantasmogorischen Megalopole, emporgewuchert aus dem Treibgut der zwei Flüsse, die sich hier vereinen. Sie ist ein immenser Giftkessel, ein Gestank, ein misstönender Posaunenstoß. 

Zusammenfassung

 Inmitten des Stadtstaats New Crobuzon arbeitet der Wissenschaftler Isaac Dan der Grimnebulin als freier Mitarbeiter an der städtischen Universität. Dieser Tätigkeit geht er nur nach, um Zugang zu den Laboren der Universität zu erlangen; auch in seinem Heim hat er sich ein Labor ausgestattet, seine Forschungen dümpeln jedoch von Beginn seiner Karriere an nur vor sich hin.

Doch eines Tages betritt der Garuda (eine humaoide Vogelspezies) Yagharek das Labor des Wissenschaftlers, und im Austausch für reichlich Geld erbittet er sich Hilfe von Isaak. Denn Yagharek wurden als Strafe für ein Verbrechen an seinem Volk die Flügel entfernt, und diese möchte der Garuda zurück, um wie einst fliegen zu können.

Und Isaak, der unter akutem Geldmangel leidet, nimmt den Auftrag des Fremden an. Gleich zu Beginn muss er jedoch die naheliegendste Möglichkeit aufgeben, die Flügel des Garudas zurückzugewinnen; Biothaumaturgie, eine Form der magischen Körpermodifikation, erlaubt nicht das Erzeugen funktionsfähiger Flügel. Deshalb kauft und fängt Isaak jedes Lebewesen mit Flügeln, um sie zu studieren und so vielleicht auch einen Weg zu finden, seinen Auftrag auszuführen.

Doch bald schon spricht sich herum, dass ein Wissenschaftler viel Geld für die verschiedensten Kreaturen zahlt, und so wird aus einer Lieferung eine Raupe entwendet, ohne das Wissen des Diebs, welches schreckliches Ungeheuer aus ihr erwachsen wird. Diese Raupe verkauft er an Isaak, der ebenfalls nicht erkennt, welcher Gattung die Raupe angehört.

Aus der Raupe erwächst jedoch bald schon ein Gierfalter, eine interdimensionale Kreatur, die sich von den Seelen anderer Kreaturen ernährt und eine hoch halluzinogene Droge, das sogenannte „Dream Shit“ absondert. Der Gierfalter entkommt dem Labor des Wissenschaftlers und zieht mit verheerenden Folgen durch New Crobuzon.

Denn in einem Drogenlabor werden weitere Gierfalter gefangengehalten, die durch ihren jüngst entflohenen Artgenossen jedoch befreit werden. Konventionelle Waffen scheinen die nun freien Ungeheuer nicht vernichten zu können, und Isaak bleibt nichts anderes übrig, als sich in seiner Not an den Weber zu wenden.

Bas-Lag

Die Welt Bas-Lag ist bunt und gleichwohl grausam, eine Verschmelzung aus Fantasyelementen mit kräftigen Einschlägen von Horror. Der Stadtstaat New Crobuzon wird hart und kompromisslos regiert, Verbrecher werden durch Biothaumaturgie zu sogenannten Remades umgeformt und zu gemeindienlichen Tätigkeiten verurteilt; so findet selbst der öffentliche Verkehr in Remades statt.

China Mieville beschreibt seine Welt mit unglaublichem Einfallsreichtum. Nur wenig erinnert dabei an Genrekollegen; Mieville schafft es, ein absolut einzigartiges Spielbrett für seine Figuren und Handlungen zu schaffen. So bekennt sich Mieville in seiner Haltung als Autor auch zur Strömung des „New Weird“, die sich gerade dem Verwischen von Genregrenzen und der weitestgehenden Vermeidung von Genrekonventionen widmet.

Dies gelingt Meville auch auf bewunderswert weitreichende Weise. Perdido Street Station zeichnet sich durch erstaunliche Eigenständigkeit in Handlung, Setting und Charaktergestaltung aus, eine unglaubliche Gradwanderung zwischen Neuerung und dennoch spürbarer Genrezugehörigkeit zur Fantasy.

Gerade der Weber, eine interdimensionale spinnenartige Figur, ist ein ausgezeichnet (und im positiven Sinne) eigenartiger Charakter, unberechenbar und nach menschlichem Ermessen wahnsinnig. Beispielsweise trennt im Zuge der Handlung der mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestattete Weber allen Anwesenden (auch den Hauptfiguren) das linke Ohr ab, nur aus dem Grund, dass es ihm das passendste zu sein scheint, dies zu tun.

Fazit

Perdido Street Station ist ein Buch, das jedem Leser im Gedächtnis bleiben wird. Die faszinierend eigenständige Handlung weiß zu begeistern, die ausgefallenen Charaktere tragen weiter zum Eindruck der Neuartigkeit bei.

Der Schreibstil Mievilles ist jedoch durchaus gewöhnungsbedürftig. Zu bemüht versucht er auch auf sprachlichem Niveau ein betonter Sonderling zu sein, und dieser Versuch scheitert so sehr, wie er in jedem anderen Bezug geglückt ist. Eine unglaubliche Anzahl an Fremdwörtern macht Perdido Street Station ohne ein Wörterbuch fast unlesbar, und auch Synonyme Begriffe wie Thaumaturgie statt Magie ändern am Inhalt nicht viel, wirken dafür aber umso bemühter.

Perdido Street Station ist ein einmaliges, unbedingt lesenswertes Werk – und doch hätte es mit einem weniger gezwungenen Schreibstil noch ein bisschen besser sein können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*